Ein gut eingerichtetes Odoo ist in einem Lebensmittelbetrieb nur die halbe Lösung. Entscheidend ist, wie die Mitarbeiter in Produktion und Logistik tatsächlich damit arbeiten.
Im Büro ist das einfach. Jeder Mitarbeiter hat einen Computer und arbeitet direkt im Odoo-Backend. In der Produktion sieht es anders aus. Dort müssen Rohstoffe und Chargen gescannt, Fertigungsaufträge bearbeitet, Qualitätskontrollen durchgeführt, Labels gedruckt oder Produktionsdaten erfasst werden.
Genau an dieser Stelle kommt die Hardware ins Spiel.
Ich sehe in Projekten immer wieder, dass sehr viel Zeit in das ERP investiert wird, der eigentliche Arbeitsplatz in der Produktion aber erst ganz am Ende betrachtet wird. Dabei entscheidet genau dieser Arbeitsplatz darüber, ob ein sauber geplanter Prozess später auch wirklich funktioniert.
Das Shopfloor-Terminal als zentraler Arbeitsplatz
Die wichtigste Hardware ist für mich ein festes Terminal direkt am Arbeitsplatz.
Darauf läuft zum Beispiel Odoo Shop Floor. Der Mitarbeiter sieht den aktuellen Fertigungsauftrag, den Arbeitsgang, die benötigten Komponenten, Arbeitsanweisungen und Qualitätskontrollen.
Ein solches Terminal kann sehr einfach aufgebaut sein. Ein Touchscreen mit Raspberry Pi oder Industrie-PC, Chromium im Kiosk-Modus und Odoo im Browser reichen für viele Arbeitsplätze bereits aus.
Ich bevorzuge feste Terminals gegenüber gemeinsam verwendeten Tablets. Das Gerät hat einen definierten Platz, ist immer eingeschaltet und zeigt genau die Anwendung, die an diesem Arbeitsplatz benötigt wird.
Der Mitarbeiter muss keinen Browser öffnen, keine URL suchen und sich nicht durch das normale Odoo-Backend bewegen. Im besten Fall sieht er nur genau das, was er für seinen Arbeitsschritt braucht.
Je nach Arbeitsplatz kann das Terminal natürlich unterschiedlich aussehen. An einer Verpackungslinie reicht vielleicht ein kleiner Touchscreen. An einem Mischplatz sind 15 oder 16 Zoll sinnvoller, weil deutlich mehr Informationen gleichzeitig dargestellt werden müssen.
Auch die Umgebung spielt eine Rolle. In einem trockenen Produktionsbereich gelten andere Anforderungen als in einem Bereich, in dem Geräte regelmässig nass gereinigt werden. Gehäuse, Montage und Schutzklasse müssen deshalb immer zum tatsächlichen Arbeitsplatz passen.
Bild: Shopfloor-Terminal mit Barcode-Scanner und RFID-Zeiterfassung bei einem Industriebetrieb im Einsatz.
Barcode-Scanner: möglichst wenig von Hand eingeben
Bild: Komplettes Setup mit 15.6" Shopfloor-Terminal, Labeldrucker und Funk-Barcodescanner.

Labeldrucker direkt am Arbeitsplatz
Der nächste wichtige Punkt sind Labeldrucker.
In einem Lebensmittelbetrieb werden schnell sehr viele unterschiedliche Labels benötigt: Rohstofflabels, Chargenlabels, Gebindeetiketten, Palettenlabels, interne Produktionslabels oder fertige Produktetiketten.
Diese Labels sollten meiner Meinung nach möglichst dort gedruckt werden, wo sie gebraucht werden.
Wenn ein Mitarbeiter zuerst ins Büro laufen, dort ein PDF öffnen und den richtigen Drucker auswählen muss, ist der Prozess unnötig kompliziert.
Ich habe dafür bereits eine sehr einfache Architektur umgesetzt: Ein USB-Labeldrucker hängt direkt am Raspberry Pi des Shopfloor-Terminals. Odoo erzeugt das ZPL-Label und ein kleiner lokaler Python-Dienst schickt es an den Drucker.
Dadurch kann beispielsweise ein Qualitätskontrollpunkt in Odoo einfach einen Button "Etikett drucken" enthalten. Der Mitarbeiter drückt darauf und das Label kommt direkt am Arbeitsplatz aus dem Drucker.
Bild: Palettenetikette wird direkt über Odoo Shop Floor gedruckt.

Für mich ist gerade bei Hardware ein KISS-Ansatz wichtig. Wenn ein Drucker per USB direkt neben dem Terminal steht, brauche ich nicht zwingend einen zentralen Printserver, komplexe Netzwerkfreigaben und mehrere zusätzliche Systeme.
Auch normale A4-Drucker haben weiterhin ihre Berechtigung
Nicht alles muss zwingend digital auf einem Bildschirm angezeigt werden.
Gerade in der Lebensmittelproduktion sehe ich weiterhin viele sinnvolle Anwendungsfälle für Papier. Zum Beispiel Mischprotokolle, Einwaageprotokolle, Reinigungsprotokolle oder andere Produktionsunterlagen.
Ein Produktionsmitarbeiter kann das Protokoll direkt am Arbeitsplatz aus Odoo drucken, während der Produktion ausfüllen und später wieder am Fertigungsauftrag ablegen.
Auch dafür verwende ich gerne den Raspberry Pi direkt am Arbeitsplatz. Odoo erzeugt das PDF, ein kleiner lokaler Dienst übernimmt es und CUPS schickt es an den angeschlossenen Drucker.
Das ist besonders interessant für Betriebe, die ihre Produktion schrittweise digitalisieren wollen. Man muss nicht von heute auf morgen jedes Papierformular durch einen Touchscreen ersetzen.
Bild: Die Mitarbeiter können A4-Lieferscheine direkt über den Shopfloor drucken und die Lieferungen validieren. So bleibt der Aufwand für das Backoffice minimal.
Waagen direkt mit Odoo verbinden
Bei Waagen wird es in der Lebensmittelproduktion besonders interessant.
Odoo kann beispielsweise wissen, dass für eine Mischerfüllung 2530 g eines Rohstoffs benötigt werden. Ohne Geräteintegration muss der Mitarbeiter das Gewicht aber trotzdem an der Waage ablesen und anschliessend wieder auf einem A4-Papier, in Odoo oder auf einem Produktionsprotokoll erfassen.
Viele Industriewaagen können ihre Messwerte über RS232 oder andere Schnittstellen ausgeben. Damit lässt sich das tatsächliche Gewicht grundsätzlich direkt am Produktionsarbeitsplatz übernehmen.
Über Odoo IoT lassen sich im Standard einfache Messwerte per Knopfdruck an Odoo übermitteln.
Das ist jedoch noch kein vollwertiges Wägesystem. Aus diesem Grund entwickle ich eine Shopfloor-Terminal-basierte Wägelösung für Odoo. Die Logik und Kontrollsoftware läuft dabei lokal auf dem Terminal und muss nicht in Odoo als Custom-Modul installiert werden.
Dadurch ist die Lösung mit allen Odoo-Versionen kompatibel.
Der Bediener wird dabei präzise durch den Wägeprozess geführt. Gewichte werden direkt über das Touch-Interface bestätigt, Rohstoffe und Chargennummern werden über Barcode-Scan oder wahlweise manuell bestätigt.
Die erfassten Gewichte werden zurück an Odoo gegeben, sodass in Odoo jederzeit der Live-Zustand des Wägeprozesses ersichtlich ist.
Bild: Mischchargen werden in Odoo aufgeteilt, das Wäge-Ergebnis wird vom Wäge-Terminal zurückgespielt.
Maschinen direkt über OPC UA anbinden
Noch einen Schritt weiter geht die direkte Kommunikation mit Produktionsmaschinen.
Viele moderne Maschinen und Anlagen bieten dafür standardisierte Schnittstellen wie OPC UA an. Darüber können beispielsweise Maschinenzustände, Stückzahlen, Temperaturen, Prozesswerte oder Fehlermeldungen ausgelesen werden.
Interessant wird das, wenn diese Informationen direkt mit dem Fertigungsauftrag in Odoo verbunden werden.
Odoo kann beispielsweise wissen, wann eine Maschine gestartet wurde, wie lange ein Produktionslauf tatsächlich gedauert hat oder welche Prozessparameter während eines bestimmten Batches gemessen wurden.
Auch die andere Richtung ist möglich. Odoo kennt den Fertigungsauftrag und die Rezeptur und kann daraus Informationen an die Anlage übergeben. So können Maschinenparameter effizient und sicher eingestellt werden und die Produktionsmitarbeiter werden entlastet und können wichtigere Kontrollaufgaben übernehmen.
Kamerakontrollen für Verpackungen und Etiketten
Eine weitere klassische ERP-Integration ist die Kamerakontrolle direkt an der Produktionslinie.
Gerade beim Verpacken reicht es nicht immer aus zu wissen, welcher Artikel laut Odoo produziert werden soll. Entscheidend ist auch, ob tatsächlich das richtige Verpackungsmaterial verwendet wird.
Ein Mitarbeiter kann einen falschen Beutel, eine falsche Dose oder eine falsche Etikettenrolle einlegen. Bei ähnlichen Verpackungen ist das mit dem Auge nicht immer sofort erkennbar.
Eine Kamera kann deshalb beispielsweise vor Produktionsstart das verwendete Verpackungsmaterial prüfen und mit dem Fertigungsauftrag in Odoo abgleichen.
Das gleiche gilt für aufgebrachte Etiketten. Ist es das richtige Etikett für diesen Artikel? Ist der Aufdruck vorhanden? Stimmen Charge und Mindesthaltbarkeitsdatum? Sind alle Zutaten, Allergene und Nährwerte korrekt?
Auch hier würde ich Odoo nicht zur Bildverarbeitung selbst machen. Eine Kamera oder ein lokales Vision-System führt die eigentliche Prüfung durch und meldet das Ergebnis an Odoo zurück.
Odoo dokumentiert dann beispielsweise direkt am Fertigungsauftrag, dass die Verpackungskontrolle bestanden wurde oder blockiert den nächsten Produktionsschritt, wenn etwas nicht stimmt.
Das ist heute noch nicht für jeden Betrieb notwendig. Gerade bei vielen ähnlichen Produkten und Verpackungen kann so eine Kontrolle aber langfristig sehr interessant werden und manuelle Kontrollen eliminieren.
Zeiterfassung gehört ebenfalls zur Hardware-Infrastruktur
Die Zeiterfassung ist natürlich kein lebensmittelspezifischer Prozess. In Produktionsbetrieben braucht sie aber ebenfalls einen vernünftigen physischen Arbeitsplatz.
Nicht jeder Mitarbeiter hat einen eigenen Computer. Deshalb macht ein zentrales Terminal am Eingang oder bei den Umkleiden Sinn.
Ich verwende dafür ein dediziertes Zeiterfassungs-Terminal mit Touchscreen, RFID-Reader und bei Bedarf auch Fingerabdruck-Scanner. Darauf läuft direkt der Odoo Anwesenheiten-Kiosk. Der Mitarbeiter hält seinen Badge an den Reader und die Anwesenheit wird direkt in Odoo gebucht.
Bild: Odoo RFID-Terminal mit Fingerabdruck-Scanner

So würde ich die Arbeitsplätze aufbauen
Wareneingang: Odoo-Arbeitsplatz oder Touch-Terminal, Barcode-Scanner und Labeldrucker. Rohstoff, Charge und MHD erfassen, QS durchführen und internes Label drucken.
Mischerei: Shopfloor-Terminal, Barcode-Scanner und je nach Prozess Waagenanbindung. Fertigungsauftrag öffnen, Rohstoffe und Chargen erfassen, Bediener durch den Wägeprozess führen und Produktionsschritte dokumentieren.
Abfüllung und Verpackung: Shopfloor-Terminal, Scanner und Labeldrucker. Arbeitsauftrag bearbeiten, Produktionscharge verwenden, Kontrollen durchführen und Labels direkt am Arbeitsplatz erzeugen. Bei höheren Anforderungen können später Maschinen- oder Kameraintegrationen dazukommen.
Lager und Kommissionierung: Mobile oder feste Geräte mit Barcode-Scanner. Möglichst viel scannen und möglichst wenig tippen.
Personal: Zentrales RFID- oder Fingerabdruck-Terminal für Odoo Anwesenheiten.
Die Hardware muss dabei nicht besonders kompliziert sein. Viel wichtiger ist, dass jedes Gerät einen klaren Zweck hat und sauber in den Odoo-Prozess eingebunden ist.
Ein Raspberry Pi, Touchscreen, USB-Scanner und Drucker können für einen Arbeitsplatz bereits völlig ausreichen. An anderen Stellen braucht es einen Industrie-PC, eine robuste Halterung oder eine Schnittstelle zu einer Maschine.
Die Frage sollte deshalb nicht sein: "Welche Hardware können wir irgendwie mit Odoo verbinden?"
Sondern: "Was muss der Mitarbeiter an diesem Arbeitsplatz machen und wie machen wir genau diesen Ablauf so einfach wie möglich?"
Wenn du Fragen zu Odoo, Hardware oder Shopfloor-Lösungen in der Lebensmittelindustrie hast, kontaktiere mich gerne oder schreibe einen Kommentar.
Nate